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Brienzer, Kommerz und Halligalli

Schwingen - vom Nationalsport zum Millionenspektakel

Am 25. August 2019 ist es wieder soweit: Der Schwingerkönig wird in Zug in einer der grössten temporären Arenen der Welt gekrönt und mehr als 50‘000 Fans feiern. Auf dem Festgelände, das rund 70 Hektar gross ist, wird getanzt und geschunkelt. Das alles verspricht Topquoten für das Schweizer Fernsehen und den wirtschaftlich einträglichsten Hosenlupf der Geschichte für die Sponsoren. Der neue Monarch freut sich über den Muni Kolin – und voraussichtliche Nebeneinkünfte in sechsstelliger Höhe obendrauf.

Einst das urig-traditionsreiche Spiel der Eidgenossen, hat sich das Schwingen mittlerweile zu einem Millionengeschäft und DEM medialen Transportmittel für globale Konzerne entwickelt. Die Entwicklung dieses faszinierenden Sportes zeigt der Bestseller-Autor Thomas Renggli in seinem neuen Buch "Brienzer, Kommerz und Halligalli" . Er schaut hinter die Kulissen des Schwingsports, beleuchtet die heikle Gratwanderung zwischen Brauchtum und Kommerz und die Anziehungskraft einer vermeintlich heilen Welt.

Ernst Schläpfer im Interview mit Autor Thomas Renggli

Als zweifacher Schwingerkönig gehört der Appenzeller Ernst Schläpfer zu den schillerndsten Figuren im Sägemehl, ist ein Traditionalist und Erneuerer gleichzeitig. Im Exklusiv-Interview mit Thomas Renggli spricht der erfolgreiche Schweizer Kranz-Schwinger Klartext und verrät, was er sich für die Zukunft des Schwingfestes wünscht.

„Dem Schwingen droht der Verkauf der Seele“

Herr Schläpfer, wie definieren Sie die Grundwerte des Schwingens?

Ernst Schläpfer: Schwingen steht für Brauchtum, echte Bodenständigkeit und gradlinige Glaubwürdigkeit – für urschweizerische Eigenheiten. In der heutigen schnelllebigen, immer globaleren Gesellschaft, in der aber trotzdem alle eine ganz individuelle Lebensform finden müssen, sind dies besonders gefragte Werte.

Wie hat sich das Schwingen in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Ernst Schläpfer: Es ist zu einem Massenphänomen geworden. Als ich 1980 in St. Gallen zum ersten Mal Schwingerkönig wurde, sassen 33‘000 Zuschauer auf den Stahlrohrtribünen der Arena. Als ich drei Jahre später die Krone in Langenthal erfolgreich verteidigte, waren es schon 36‘000. Die Besucherzahlen am Eidgenössischen sind seither kontinuierlich gewachsen. Und mit der erhöhten Fernsehpräsenz erreichte das Nationalspiel auch ein Publikum, das sonst mit unserem Sport nicht viel zu tun hat. Den Schlussgang am Eidgenössischen 2016 in Estavayer-le-Lac sahen 815‘000 TV-Zuschauer. Das entsprach einem Marktanteil von sagenhaften 75 Prozent.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Kultur der Feste?

Ernst Schläpfer: Aus einem Schwingfest, in dessen Mittelpunkt das Schwingen stand, ist in den letzten Jahren sukzessive ein Schwingfest geworden, in dessen Mittelpunkt das Fest steht. Chilbi und Festwiese sind wichtiger geworden als das Schwingen selber. Viele Besucher werden auch am Eidgenössischen in Zug von einem wunderbaren Fest schwärmen, aber keinen einzigen Schwinger von nahe gesehen haben.

Steht diese Eventkultur im Widerspruch zum Geist des Schwingens?

Ernst Schläpfer: Ja, definitiv. Das lässt sich an den Gepflogenheiten im VIP-Bereich ablesen. Um rechtzeitig beim Lunch zu sein, verlassen die Ehrengäste die Tribünen vorzeitig – mit der Konsequenz, dass die Spitzenpaarungen vor ausgelichteten Rängen stattfinden. Und wenn die Schwinger um 13.00 Uhr wieder ins Sägemehl steigen, sind die VIP noch am Dessert. Damit ist eine Grenze überschritten worden. Geht es so weiter, droht dem Schwingen der Verkauf der Seele.

Sie malen ein sehr düsteres Bild…

Ernst Schläpfer: Die Entwicklung insbesondere der grossen Schwingfeste hatte etwas Scheinheiliges an sich. Wunschdenken, Realität und Marktsituation stimmen immer weniger überein. Dazu nur ein Vergleich: 1980 betrug das Budget fürs Eidgenössische rund fünf Millionen Franken, in Zug sind es 2019 36 Millionen. Profitieren von diesem Geldsegen konnten alle, die Veranstalter, die Sponsoren und nicht zuletzt die Schwingerverbände. Es sind jeweils Millionenbeträge, die ein ESAF in die Verbandskasse spült. Nur eine Gruppe profitierte höchstens in Form eines grösseren Gabentempels vom neugewonnenen Reichtum, die breite Masse der Schwinger selber.

Sie sprechen den Verband an. Welche Rolle spielt der ESV?

Ernst Schläpfer: Dem Eidgenössischen Schwinger-Verband geht es unglaublich gut – er besitzt Millionen. Und die Millionen, die er durch das Werbereglement einnimmt, bringt er fast nicht mehr los. Ursprünglich war dieses Geld als Solidaritätsbetrag der arrivierten Schwinger an den Nachwuchs vorgesehen. Doch die Umsetzung hinkt - auch weil der Verband bei der Verteilung knausrig ist.

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"Ein Schwingfest soll eine Schwingveranstaltung mit Festcharakter sein – und nicht ein Fest, an dem nebenbei noch geschwungen wird"

Was ist Ihr Hauptanliegen?

Ernst Schläpfer: Ich wünsche mir für die Zukunft unseres Sports, dass das Schwingen wieder ins Zentrum rückt. Ein Schwingfest soll eine Schwingveranstaltung mit Festcharakter sein – und nicht ein Fest, an dem nebenbei noch geschwungen wird. Die Hauptdarsteller sind die Schwinger – und nicht die Festbetreiber.