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Franziska Kurz
Franziska Kurz

Heldinnen gab es schon vor 2000 Jahren!

Charlotte Fondraz über Frauenpower bei den alten Germanen und ihren neuen historischen Roman

Charlotte Fondraz über Frauenpower bei den alten Germanen und ihren neuen historischen Roman

Ein Interview von Kulturjournalistin Franziska Kurz

Dass wir nichts über sie wissen, heisst nicht, dass es sie nicht gegeben hat: starke Frauen, die Geschichte geschrieben haben. Männer hatten nicht immer das Sagen und sie werden es auch nicht für immer haben – dessen ist sich Bestsellerautorin Charlotte Fondraz sicher. In ihrem neuen historischen Roman „Der silberne Kessel“ spielen deshalb neben einem geheimnisvollen (real existierenden!) Zauberkessel vier starke Frauen die Hauptrolle: eine Kriegerin, eine Diebin, eine Druidin und eine Verstossene. Geschickt verwebt Charlotte Fondraz Fakten und Fiktion und lässt dadurch ein Stück germanisch-keltischer Geschichte wieder lebendig werden.

Neu im Buchregal: Der historische Roman "Der silberne Kessel" von Erfolgsautorin Charlotte Fondraz. Foto: © privat

Gleichberechtigte Germaninnen?

Im Interview verrät Charlotte Fondraz mehr über Gleichberechtigung bei den Germanen, unbekannte Heldinnen der Geschichtsschreibung und die Magie von Flüchen und Prophezeiungen

Die Frauenfiguren im Roman – wie die Kriegerin Erkenhild, die Diebin Katek oder die Druidin Busla – lesen sich alle so stark und selbstbestimmt. Gab es tatsächlich mächtige Frauen bei den Germanen?

Charlotte Fondraz: Die Römer haben ein bisschen etwas über die germanischen und keltischen Gesellschaften geschrieben. Wir kennen auch ein paar alte Sagen, die aber von Christen aufgezeichnet wurden. Diese Informationen sind lückenhaft und nicht objektiv. Dennoch schimmert die wichtige Rolle der Frau in der Gesellschaft durch. Der Römer Tacitus schreibt zum Beispiel, dass die Germanen glaubten, den Frauen wohne etwas Heiliges und Seherisches inne, deswegen würden sie ihren Rat befolgen. Mit diesen Worten könnte ein patriarchalisch geprägter Autor die Gleichberechtigung beschreiben. Es könnte bedeuten: Die Germaninnen hatten genauso viel zu sagen wie ihre Männer.

Können die Germaninnen also Vorbild sein für die Frauen von heute?

Charlotte Fondraz: Es gibt berühmte germanische oder keltische Frauen wie die Seherin Veleda, die Ratgeberin Gambarra oder die britannische Heerführerin Boudicca. Diese Beispiele deuten darauf hin, dass Frauen jede Position in der Gesellschaft einnehmen konnten. Sie zeigen uns, dass Frauen Einfluss und Macht haben können. Deswegen sind sie enorm wichtige Vorbilder. Leider sind diese Frauen noch längst nicht so bekannt wie ihre männlichen Pendants.

Worum geht’s in „Der silberne Kessel“?

1891 fand man im heutigen Dänemark einen geheimnisvollen Kessel – er hatte sage und schreibe zweitausend Jahre in einem Torfmoor gelegen. Ein faszinierendes archäologisches Artefakt, das bis heute Rätsel aufgibt. Welche Kräfte haben die alten Germanen dem Kessel wohl zugesprochen? Wie wäre es, wenn er den, der aus ihm schöpft, unbesiegbar machen würde?
Eine faszinierende Vorstellung und der geniale Plot von Charlotte Fondraz neuem historischen Roman „Der silberne Kessel“: Im ersten Jh. v. Chr. drängen römische Händler immer weiter in den Norden. Die junge Kriegerin Erkenhild glaubt, dass auf diese Vorhut ein ganzes Heer aus Rom folgen wird, und will sofort einen Angriff führen. Doch der Heerkönig Thorwaltshunt zögert. Fürchtet er etwa die Römer? Erkenhild beauftragt die Diebin Katek, einen magischen Kessel aus einem verfluchten Grab zu holen, der die germanischen Krieger unbesiegbar machen soll. Doch Erkenhild ist nicht die Einzige, die die Macht des Kessels für sich nutzen will...

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Du sagst über dich selbst, du schreibst "feminhistorische Romane". Ist damit Geschichtserzählung aus weiblicher Sicht gemeint?

Charlotte Fondraz: „Das Patriarchat ist die Midlife-Crisis der Menschheit.“ Das ist mein Motto und soll heissen: Die Väter haben nicht immer regiert und werden es auch in Zukunft nicht mehr tun. Es gibt ja keinen Beweis für ein germanisches Patriarchat. Nur leider entsteht dieser Eindruck, in Büchern oder in Museen zum Beispiel, wenn allgemein von „Germanen“ (und nicht von „GermanInnen“) gesprochen wird.

Das heisst vielleicht gab es mehr weibliche „Heldinnen“ der Geschichtsschreibung als wir wissen?

Charlotte Fondraz: Ich denke ja. In Dänemark war ich beispielsweise einmal in einem Museum, wo das rekonstruierte Grab eines „Stammesführers“ gezeigt wurde. Der Tote war als weissbärtiger Mann dargestellt. Das Ding dabei war, dass von dem „Stammesführer“ kein einziger Knochen erhalten war, denn das Grab war schon kurz nach der Bestattung geplündert worden! Das hätte genauso gut das Grab einer Frau sein können!

Was genau weiss man eigentlich über den historischen Silberkessel von Gundestrup, von dem du im Roman erzählst?

Charlotte Fondraz: Der Kessel ist mit menschlichen Figuren, Tieren und Fabelwesen bedeckt, die haben mich sofort in ihren Bann gezogen. Was die Figuren bedeuten, weiss man heute nicht mehr, aber bestimmt erzählen sie Geschichten: Märchen, Sagen oder Historisches. Ich stelle mir vor, dass die Menschen damals sofort gewusst haben, um welche Geschichten genau es sich handelt.

So wie wir, wenn wir eine junge Frau neben sieben kleinen Männern mit Bart und Zipfelmütze sehen?

Charlotte Fondraz: Ja genau! Oder einen Baum mit einer Schlange und zwei Nackten. Mit den Figuren auf dem Kessel habe ich mir dazugehörige Sagen ausgedacht: „Hirschbraut in der Anderswelt“, „Heerkönigin Medb und ihre beiden treuen Heerführer“ und so weiter. Keine Angst, nicht alle dieser Sagen werden im Roman erzählt!

Hast du auch vor Ort recherchiert?

Charlotte Fondraz: Ja, ich bin nach Dänemark gefahren, hab mir die Fundstelle des Kessels angesehen und die Atmosphäre auf mich einwirken lassen. Zwei Mal war ich da, beides Mal im Herbst. Und so spielt der Roman auch hauptsächlich in dieser Jahreszeit.

Du benutzt in „Der silberne Kessel“ viele Begriffe, die heute nicht (mehr) in unserem Wortschatz sind – magst du ein paar davon erklären? Ich denke dabei an: Nornen, Tesserarius, Kyndol…

Charlotte Fondraz: Diese Begriffe beschreiben etwas, das es heute nicht mehr gibt. Tesserarius bezeichnet einen Grad in der römischen Armee, über dem Legionär und unter dem Centurio. Die Nornen sind weibliche Wesen, so eine Art Halbgöttinnen, die das Schicksal bestimmen.
Das Kyndol bezeichnet einen Gegenstand, dem Magie innewohnt. Dieses Wort habe ich erfunden. Ich hätte auch „Zauberding“ schreiben können, aber das hört sich so naiv an. Die Magie ist in meinem Buch etwas, das das Leben der Menschen bestimmt, etwas Ernsthaftes. Kyndol klingt mächtig und gewichtig, das passt besser.

Ein Kessel mit Zauberkräften, Rituale, Flüche, Prophezeiungen... Wie sehr hat der Glaube an Magie das Leben der Germanen vor 2000 Jahren bestimmt?

Charlotte Fondraz: Wie sich die Menschen in der Eisenzeit die Welt erklärt haben, wissen wir nicht wirklich. Ich denke zum Beispiel an die Grabbeigaben. Oft liest man, die Menschen hätten sich vorgestellt, sie könnten diese Gaben in der Welt der Toten nutzen: Das Essen bräuchten sie auf dem Weg ins Jenseits, den Schmuck könnten sie dort tragen usw. So einfach finde ich die Sache nicht. Auf christlichen Friedhöfen habe ich schon oft Kuscheltiere etc. gesehen. Denken die Leute, die einen Teddy auf das Grab setzen, der Tote kuschelt im Paradies damit? Das glaube ich nicht, die Gründe sind komplizierter.

Welche Rolle spielt Magie im Roman?

Charlotte Fondraz: In meinem Roman gibt es keine Magie im Sinne der Fantasyliteratur. Wohl aber einen Glauben, der sich von unserem heutigen Verständnis, wie die Welt funktioniert, unterscheidet. Diesen Glauben habe ich mir ausgedacht. Dabei habe ich mich an verschiedenen archäologischen Funden orientiert, zum Beispiel an den dänischen Moorleichen, die offenbar auf mehrere Arten gleichzeitig ermordet wurden. Man hat die Menschen verschiedene Tode gleichzeitig sterben lassen: Erhängen bzw. Erdrosseln, Erstechen, Erschlagen, Ertränken.
Die Magie in meinem Buch umfasst auch Flüche und Prophezeiungen. Sie funktioniert, wenn die Figuren dran glauben. Stichworte dazu wären Selbsterfüllende Prophezeiung und Placeboeffekt.

Ähnlich wie wir heute an Horoskope glauben?

Charlotte Fondraz: Ja, auch heute glauben wir an Dinge, die wissenschaftlich nicht bewiesen sind wie zum Beispiel an Nahrungsergänzungsmittel. Na klar, das mache ich auch, dieses Verhalten ist menschlich. „Die Wahrheit von heute ist der Irrtum von morgen“, das ist ein Zitat von Jakob von Üxküll. Es besagt, dass Menschen zu jedem Zeitpunkt glauben, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Und jedes Mal liegen sie falsch.

Franziska Kurz ist seit Juli 2020 Moderatorin bei #Weltbildliest. Seit 2015 bereichert sie mit ihrem Blog "franzi liest" die wunderbare Welt der Bücher und Buchfans. Als Literatur- und Kulturjournalistin ist sie regelmässig zu Gast bei Radio und TV und schreibt für zahlreiche Frauen- und Lifestyle-Magazine. Das "Münchner Kindl" bezeichnet sich selbst als buch- und wortverliebt, als Taschensammlerin und Spasüchtige. Mehr von ihr auf www.franzi-liest.de.

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