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Doris Leuthard - Die Bundesrätin der Herzen

Ende 2018 ist die prominente Poltikerin nach zwölfeinhalb Jahren in der Regierung zurückgetreten. Über viele Jahre hat die Schweiz keine unprätentiösere Bundesrätin mehr gehabt, keinen Magistraten mit einer solchen Ausstrahlung. Doris Leuthards Strahle-Lachen ist legendär; leuchtende Augen, glucksende Leichtigkeit. Ein Porträt der Ausnahmepolitikerin ist jetzt im Weltbild Verlag erschienen. "Doris Leuthard - Die Staatsfrau mit Charme und Charisma" - Autor Werner Vogt zeichnet in diesem Buch ein Bild einer aussergewöhnlichen Persönlichkeit. wir stellen Ihnen Doris Leuthard in Auszügen aus dem Buch vor:

Die Merenschwanderin ist bodenständig geblieben

Die Reuss ist im Kanton Aargau, wo alle Flüsse zusammenkommen, die schlussendlich in die Nordsee fliessen – wie Rhein, Aare, Reuss und Limmat –, der wildeste Fluss. Die Anwohner würden, völlig objektiv natürlich, auch sagen: der schönste. Ganz abgesehen davon hat die Aussicht auf die nahen Wiesen, Äcker und Wälder, auf die Rigi, weitere Innerschweizer Berge und die Glarner Alpen schon viel für sich. Aber es ist wohl die Kombination von all den Menschen, die Doris Leuthard am allerwichtigsten sind, sowie die Ruhe der Flusslandschaft, die sie immer hier gehalten haben. Ihre Studienaufenthalte in Paris und Kanada änderten daran ebenfalls nichts. Hier sind die Familienbande, hier sind alte Freundschaften von Mitschülerinnen und Turnkameradinnen, die auch nach Jahrzehnten noch halten, obwohl sie lange nicht wirklich gepflegt werden konnten. Ein Beispiel nur: Als Doris Leuthard Ende 2016 in ihrem Heimatdorf ein Fest zur Feier ihrer zweiten Bundespräsidentschaft ausrichtete, bedurfte es nur weniger Telefonate und Mails, und drei Dutzend Turnerinnen von der Damenriege, zu der Doris Leuthard auch gehört hatte, standen bereit zum Service beim Abendessen. So etwas macht man nicht für irgendjemand, sondern nur für eine Person, die aus dem gleichen Holz geschnitzt ist wie man selbst und dies nie vergessen hat. Für «öisi Doris» – unsere Doris, wie sie hier jeder nennt. Es ist ein bodenständiger und herzlicher Schlag von Menschen, die hier im tiefen Freiamt wohnen, Menschen mit einer natürlichen Bescheidenheit.

Und irgendwo hat Doris Leuthard viel von dieser Bescheidenheit behalten. Stehende Ovationen, wie etwa bei der CVP-Delegiertenversammlung nach ihrer Rücktrittserklärung, versucht sie möglichst schnell abzuwinken, und als Roger Schawinski sie als «Doris Superstar» bezeichnet, widerspricht sie umgehend und entschieden.

Welche Bedeutung die Familie Leuthard im Dorf hat, erklärt der Gründer und Leiter des Ortsmuseums im Postlonzihus, Bruno Käppeli. Der pensionierte Metallfacharbeiter ist ein wandelndes Lexikon. Seit fünf Jahrzehnten sammelt er alte Fotos, Filme und Exponate jeglicher Art, die die Dorfgeschichte von Merenschwand dokumentieren. Dass heute ein blühendes Gewerbe im Dorf existiert, sodass Merenschwand nicht nur eine Gemeinde von Pendlern nach Zürich, Zug und Luzern ist, dies ist nicht ausschliesslich, aber sehr substanziell ein Verdienst von Doris Leuthards verstorbenem Vater Leonz: «Ein überaus tüchtiger Mann», sagt Käppeli. Der ehemalige Gemeindeschreiber habe bei der Güterregulierung eine Schlüsselrolle gespielt, ohne die das Gewerbe sich niemals in der Art hätte entwickeln können, wie es schliesslich der Fall war.

Die Superministerin

Nach der Feuerprobe in der Volkswirtschaft folgt der Sprung ins Riesendepartement UVEK. Dann kam Fukushima – und alles war anders!

Als Doris Leuthard im Herbst 2010, gegen Ende ihres ersten Präsidialjahres, vom Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement (EVD, heute WBF) ins Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) wechselte, war sie auf einem ersten Höhepunkt der Popularität. – Etliche weitere sollten folgen. Die bisherige Vorsteherin des Volkswirtschaftsdepartements wusste sehr genau, was mit dem Wechsel auf sie zukam: «Beim UVEK wird fast ein Drittel aller Bundesratsgeschäfte abgewickelt, aber ich bin in der glücklichen Lage, dass ich über einen ausgesprochen fähigen Direktions- und Mitarbeiterstab verfügen kann. Allerdings kann ich hier auch sehr viele Synergien nutzen, denn thematisch haben sich die Dossiers Umwelt, Energie und Verkehr in den letzten Jahren so entwickelt, dass man durch eine zweckmässige Koordination der Aufgaben sehr viel erreichen und eine kohärente Politik aufbauen kann. Was sicher auch geholfen hat, war der Aufbau von designierten Geldmitteln (Fonds) für Bahn und Strasse. Es erleichtert die Arbeit ungemein, wenn man nicht jedes Jahr von Neuem für die Investitionsmittel kämpfen muss.»

Feuerprobe Fukushima

Was immer die Magistratin für eine Agenda zur Führung ihres Departements hatte, es war ein externes Ereignis, das auf Jahre hinaus einen Schwerpunkt in ihrer Arbeit setzte und gleichzeitig ein radikales Umdenken initiierte: Die Reaktorkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima vom 11. März 2011 als Folge eines Seebebens und nachfolgenden Tsunamis. Zunächst jedoch ein Blick zurück: Rechtzeitig zum Departementswechsel von Doris Leuthard diktierte der damalige Präsident der economiesuisse, Gerold Bührer, dem «SonntagsBlick» seinen Wunschzettel für die Bundesrätin in die Tasten. Dabei nannte er Themen wie die zweite Gotthardröhre, die Privatisierung der SRG (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft), die Liberalisierung der Post, den Ausbau der Autobahnen und vor allem den Bau von zwei neuen Atomkraftwerken bis zum Jahr 2020. Abgesehen von allen anderen Themen, bei denen mehr oder weniger Fortschritte in Bührers Sinn erzielt worden waren, änderte die Katastrophe von Fukushima alles in der bundesrätlichen Energiepolitik – und nicht nur in dieser.

Doris Leuthards Auftakt in der neuen Funktion war fulminant. Nach 100 Tagen im neuen Departement tischte sie einen Massnahmenplan für all ihre Tätigkeitsbereiche auf, der nicht nur aufhorchen liess, sondern aufrüttelte und provozierte. Unter dem Titel «Die Turboladerin» referierte der «Tages-Anzeiger» Ende Januar 2011 das Massnahmenpaket der neuen Ministerin: «Rund 100 Tage sind vergangen, seit Doris Leuthard (CVP) vom beschaulichen Volkswirtschaftsdepartement in das verwaiste Riesenreich von Moritz Leuenberger (SP) gewechselt hat. Schon in dieser kurzen Zeit hat die neue Herrin über Verkehr, Rundfunk und Energie fast die ganze Schweiz gegen sich aufgebracht. Gelungen ist ihr dies mit ihrem letzte Woche präsentierten grossen Massnahmenpaket, das die benötigten Zusatzmittel für Strasse und Schiene generieren soll. Praktisch niemand ist zufrieden: Linke und Grüne kritisieren, dass die Billettpreise im öffentlichen Verkehr steigen sollen. Die SVP schimpft gegen Doris Leuthards Auftakt in der neuen Funktion. Die FDP lehnt Mehreinnahmen generell ab. Die Kantone sträuben sich dagegen, dass sie 300 Millionen Franken in den geplanten Bahninfrastrukturfonds einschiessen sollen. Die Interessenvertreter der Berggebiete sehen in der vorgesehenen Reduktion der Pendlerabzüge eine Bedrohung für die Randregionen. Und nicht einmal die eigene Partei, die CVP, stellt sich vorbehaltlos hinter die neue Infrastrukturministerin.»

Die Zeitung befürchtete, dass Doris Leuthard enden könnte wie Pascal Couchepin: «Leuthard ging über die Einwände nonchalant hinweg und mischte diverse abgelehnte Ingredienzien zu jenem Eintopf zusammen, den sie nun der Öffentlichkeit als verkehrspolitisches Zukunftsrezept auftischt. Beobachter fühlen sich an Pascal Couchepin erinnert, bei dem ähnliche Vorgehensweisen zu jahrelangen Blockaden in der Gesundheits- und Sozialpolitik führten.» Die meisten dieser verkehrspolitischen Diskussionen wurden jedoch durch das erwähnte Grossereignis Fukushima im März 2011 für Wochen und Monate auf politisches Eis gelegt. Doris Leuthard begann in dieser Situation einen politischen Marathon oder, besser gesagt, eher einen Triathlon für die nächsten sechs Jahre. Immer mit dem Gesamtbundesrat im Rücken. Mit sicherem politischen Instinkt, der ihr vielerorts als Opportunismus ausgelegt wurde, realisierte sie sofort, dass nach Fukushima ein neues Atomkraftwerksprojekt in der Schweiz niemals eine für den Bau zwingende Volksabstimmung überstehen würde. Gleichzeitig konnte sie – auch an der Urne – all jene linken und grünen Kräfte in Schach halten, die, ähnlich wie dies in Deutschland der Fall war, einen sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie durchsetzen wollten. Bevor 2017 das Energiegesetz als Fundament für die Energiestrategie 2050 zur Abstimmung kam, musste sich die Energieministerin in Dutzenden von Parlamentsdebatten sowie Hunderten von Podien, Fernsehduellen, Interviews und Gesprächen mit Interessenvertretern hinter den Kulissen behaupten, sowie die Volksinitiativen für einen überstürzten Ausstieg aus der Kernenergie und für eine grüne Wirtschaft versenken beziehungsweise entscheidend versenken helfen. Dass Doris Leuthard dem Energiegesetz 2017 mit einer deutlichen Mehrheit von 58% zum Durchbruch verhalf, zeigt, wie die politische Ausdauersportlerin mit in diesem Fall jahrelangem Stehvermögen einer Idee zum Durchbruch verhalf.