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Franziska Kurz
Franziska Kurz

Er denkt wie ein Psychopath

Warum Andreas Winkelmann schon mal im Dunkeln auf Bäumen sitzt & mehr Verblüffendes im Interview

Andreas Winkelmann schreckt bei der Recherche für seine Thriller nicht vor Selbsttests zurück. So zwang er sich beispielsweise so lange unter Wasser zu bleiben, bis der Atemreflex einsetzte. Wenn er sich nicht gerade in Psychopathen und ihre Opfer hineinversetzt, überquert er zu Fuss die Alpen, steigt dort auf die höchsten Berge oder fischt und jagt mit Pfeil und Bogen in der Wildnis Kanadas. Foto Andreas Winkelmann: © Gregor Middendorf; Foto klein: Kulturjournalistin/Moderatorin Franziska Kurz

Sucht extreme Erfahrungen: Thrillerautor Andreas Winkelmann

Ein Beitrag von Kulturjournalistin/Moderatorin Franziska Kurz

Psychopathen faszinieren uns wider Willen: kein Gewissen, häufig hohe Intelligenz und Charme. Ohne Moral als Leitlinie fürs Leben stellen sie uns als Gesellschaft vor Rätsel.

Genau an diesem Punkt setzt Bestsellerautor Andreas Winkelmann an, der das Talent besitzt, sich hineinzustürzen in die seelischen Abgründe von Mördern und Entführern. Sein Motto dabei: Nur wer es selbst fühlt, kann es auch schreiben. Im Interview weiter unten, erzählt er, in welche Extremsituationen er sich dafür schon begeben hat.

Drei seiner Bestseller gibt es jetzt im günstigen Weltbild Bundle: „Bleicher Tod“, „Hänschen Klein“ und „Blinder Instinkt“. Zu Beginn von Winkelmanns Thrillern lernen wir die Opfer kennen – wir leiden mit ihnen in Gefängnissen, Kellern, mitten in Angst, Not, Hilflosigkeit und Hoffnung auf Rettung. Nur, um mit ihnen hautnah zu erfahren, wie es ist, wenn alles Gottvertrauen umsonst ist.

Den Psychopathen entgegen stellen sich KommissarInnen, die verstehen müssen, wie diese Menschen ticken, um ihnen näher zu kommen und den nächsten Mord zu verhindern. Besonders die Frauen in diesen Büchern sind komplexe Figuren, ob als Opfer, Kommissarinnen oder als (eventuelle) Täterinnen.

Sind Sie neugierig, was ich Andreas Winkelmann gefragt habe und was er verraten hat? Dann lesen Sie weiter.

Wie soll ich authentisch über Angst schreiben, wenn ich sie selbst nicht mehr fühle? Also setzte ich mich ihr bewusst aus. Das kann in extremer Natur sein, auf einem nächtlichen Friedhof oder Wald – oder unter Menschen.

Andreas Winkelmann

Warum er mal stundenlang mit Pfeil und Bogen bewaffnet auf Bäumen sass und Verblüffendes mehr erzählt Bestsellerautor Andreas Winkelmann im Interview


Stimmt es, dass Sie bewusst Grenzerfahrungen suchen, um das Gelernte beim Schreiben verwenden zu können? Haben Sie ein Beispiel für uns? Was haben Sie erlebt und in welchem Buch haben Sie es verarbeitet?

Andreas Winkelmann: Ich suche Grenzerfahrungen, um meinen Horizont zu erweitern, und das schliesst auch das Erleben von Angst mit ein. Wie soll ich authentisch über Angst schreiben, wenn ich sie selbst nicht mehr fühle? Also setzte ich mich ihr bewusst aus. Das kann in extremer Natur sein, auf einem nächtlichen Friedhof oder Wald – oder unter Menschen. Vor allem unter Menschen! Nehmen wir als Beispiel mein Buch „Killgame“. Das spielt teilweise in der kanadischen Wildnis, und ich konnte es nur schreiben, weil ich dort war, weil ich dort mit Pfeil und Bogen gejagt habe, stundenlang im Dunkeln auf Bäumen sass und auf Bären gewartet habe und mir dabei die Frage stellte, was jemand mit mehr Geld als Verstand hier wohl sonst noch jagen wollen würde.

Sie haben einmal erzählt, dass Ihr Friseur Sie auf die Idee gebracht hat, in „Bleicher Tod“ Bleichmittel als Mordwaffe einzusetzen. Entstehen so Ideen, im Gespräch und aus dem Leben gegriffen?

Andreas Winkelmann: So entstehen die allerbesten Ideen! Ins Leben hineingreifen, hineinhören, hineinschauen, und dann möglichst sensibel sein für die kleinen Dinge, die interessanten Details, die nicht jedem sofort ins Auge springen. Nicht in jedem Satz oder jeder Beobachtung steckt eine tragfähige Idee für ein ganzes Buch, aber ich bin zum Glück mit einer Fantasie gesegnet, die aus mehreren Pitches ein komplettes Sujet strickt.

Sie veröffentlichen zusammen mit Autorenkollege Arno Strobel den Podcast „2 Verbrecher“. Darin werden 2 wahre Kriminalgeschichten erzählt und 2 erfundene. Als Hörer/Hörerin müssen wir herausfinden, was True-Crime ist und was Ihrer Fantasie entspringt. Liegen Fiktion und Realität wirklich so nah beieinander?

Andreas Winkelmann: Ich finde es immer wieder erschreckend, wie nahe! Nahezu jeden Tag geschehen um uns herum Verbrechen, die so abstrus sind, dass man automatisch denkt: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Ist es leider aber. Der Mensch ist quasi zu allem fähig, und oft genug sticht die Realität sogar meine Fantasie aus. Ich habe gerade eine True-Crime-Story für die 2-Verbrecher recherchiert, die hätte ich mir niemals ausdenken können. Aber sie ist passiert – und lässt mich fassungslos zurück.

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Denken Sie bei Begegnungen mit anderen Menschen manchmal darüber nach, welche dunklen Geheimnisse in ihnen schlummern könnten?

Andreas Winkelmann: Ich habe ein gutes Beispiel als Antwort auf diese Frage: Meine Frau und ich sassen abends mit acht Freunden zusammen, es war gesellig, wir tranken Wein, lachten, erzählten. Bis dann eine Freundin bemerkte, dass ich mich irgendwie aus den Gesprächen ausgeklinkt hatte. Sie sagte: „Aufgepasst Leute, Andreas analysiert uns wieder.“ Genau das passiert mir in solchen Situationen oft, und oft merke ich es gar nicht. Gerade in der Pandemiezeit ist mir klar geworden, wie sehr ich diesen menschlich-emotionalen Input brauche, wie abhängig ich als Schriftsteller davon bin. Das Böse beginnt im Kopf, da finde ich es aber nur, wenn ich genau hinhöre. Es ist also gefährlich, mich einzuladen!

In Ihrem aktuellen Thriller „Die Karte“ spielt Instagram eine entscheidende Rolle, der Täter observiert seine Opfer über deren online geteilte Laufstrecken. Sie sind ja selbst Sportler und Läufer – aber lieber für sich und in der Wildnis als online und vernetzt, oder? Stehen Sie Social Media kritisch gegenüber?

Andreas Winkelmann: Nicht generell, aber bestimmten Aspekten durchaus. Menschen sind Gewohnheitstiere, sie laufen gern immer wieder die gleichen Strecken zur selben Tageszeit und oft genug beginnen und enden diese Strecken vor der Haustür. Dann wird die Strecke gepostet und ist für jeden zugänglich. Wenn ich denken würde wie ein Psychopath – was ich tue – ist das für mich ein gefundenes Fressen.
Social Media hat viele Vorteile, aber natürlich auch Schattenseiten, die aber immer im Menschlichen begründet liegen. Entweder in Sorglosigkeit und Leichtsinnigkeit, oder im Trieb- und Boshaften. Wirklich toll ist aber die Möglichkeit, mit meinen Leserinnen und Lesern über Social Media in Kontakt zu kommen und zu bleiben.

Wenn Sie Andreas Franz‘ oder Andreas Grubers‘ Bücher mögen, sind Sie bei Andreas Winkelmann genau richtig. Wer noch mehr Andreas Winkelmann lesen möchte: Sein Thriller Die Karte ist jetzt neu im Handel. Mehr zum wissenschaftlichen Hintergrund von Psychopathen und Mördern können Sie bei Lydia Benecke nachlesen – ich finde ihre Einblicke in diese Seelen faszinierend.

Franziska Kurz ist seit Juli 2020 Moderatorin bei #Weltbildliest. Seit 2015 bereichert sie mit ihrem Blog "franzi liest" die wunderbare Welt der Bücher und Buchfans. Als Literatur- und Kulturjournalistin ist sie regelmässig zu Gast bei Radio und TV und schreibt für zahlreiche Frauen- und Lifestyle-Magazine. Das "Münchner Kindl" bezeichnet sich selbst als buch- und wortverliebt, als Taschensammlerin und Spasüchtige. Mehr von ihr auf www.franzi-liest.de.