vor einer Woche

Jeffrey Archer: Meister des "Storytellings"

Leben zwischen zwei Welten

Seine eigene Lebensgeschichte ist so dramatisch und voller Wendungen, dass sie selbst die Vorlage für einen Roman abgeben könnte: Der britische Autor Jeffrey Archer (78) war Spitzenpolitiker im englischen Oberhaus und enger Vertrauter von Margaret Thatcher, ging finanziell bankrott und wäre fast Bürgermeister von London geworden. 2001 brachte ihn ein politischer Skandal für zwei Jahre ins Gefängnis. Das Aus seiner Karriere als Staatsmann. Doch aus der Not machte Archer eine Tugend und besann sich auf seine zweite grosse Leidenschaft neben der Politik, das Schreiben. Jetzt ist sein neues Werk erschienen, der historische Roman „Traum des Lebens“.

Seinen ersten grossen literarischen Durchbruch hatte Archer bereits 1979 mit dem Bestseller „Kain und Abel“, einer epischen Rivalen-Geschichte. Während seines Gefängnisaufenthalts schrieb er die „Prison Diaries“, es folgten Justiz- und Politthriller und von 2011 bis 2017 veröffentlichte er die siebenbändige „Clifton-Saga“, ein historisches Familienepos. Damit zementierte er endgültig seinen internationalen Ruf als Meister des Storytelling. Wie kein anderer spannt er den Bogen der Geschichte und verwebt die Schicksale seiner Protagonisten. Bis heute hat er rund 300 Millionen Bücher verkauft, die den Ex-Politiker mit bewegter Karriere zum Millionär und Kunstmäzen gemacht haben.

„Traum des Lebens“ - Jeffrey Archer im Interview

In seinem neuen Roman „Traum des Lebens“ (im englischen Original „Heads You Win“) erzählt Archer die Geschichte des russischen Wunderkinds Alexander Karpenko, der 1968 aus Leningrad fliehen muss, nachdem der KGB seinen Vater ermordet hat. Ein Plot, der in Russland nicht gut ankommt. Russische Verleger haben die Veröffentlichung des Buchs abgelehnt, wie Archer im Interview erzählt.

Bei seiner Flucht wird Alexander vor die Wahl gestellt: Lässt er sich von einem englischen oder einem amerikanischen Schiff aus dem Land schmuggeln? Wo sieht er seine Zukunft? Deshalb wirft er eine Münze: Kopf oder Zahl? Im Interview verrät Archer: „Wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich nach Amerika gehen. Es ist immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“

Von da an erzählt „Traum des Lebens“ zwei Schicksale in verschiedenen Welten: Das Leben von Alexander in London und das seines Alter-Egos „Sascha“ in New York. „Es ist faszinierend, einen Menschen herzunehmen, der extrem helle ist, der überall Möglichkeiten hat, weil er clever ist, und eine Herausforderung, ihn in zwei Länder zu setzen und ihn einmal als Politiker und einmal als Manager zu erleben, immer mit dem Gedanken, dass das ein und dieselbe Person ist“, so Archer im Weltbild-Interview. „Sie landen einfach an zwei unterschiedlichen Orten, an die sie sich anpassen müssen. Das war wirklich eine enorme Herausforderung, die ich sehr genossen habe.“

Vor die Frage gestellt, ob er selbst rückblickend im Leben manchmal besser einen anderen Weg eingeschlagen hätte, antwortet Archer: „Also ich denke, dass jeder der das liest, gerade junge Leute fragen sich, wohin in ihrem Leben, welche Richtung soll ich einschlagen? Nun, es ist nicht ungewöhnlich heutzutage 90 oder 100 Jahre alt zu werden. Die Idee, eine Sache sein Leben lang zu machen, ist kindisch. (…) Also sage ich den Jungen immer: Tu etwas, für das du gerne aufstehst jeden Morgen, denn wenn nicht, wirst du für den Rest deines Lebens unglücklich, nörgelig, langweilig und zu Jemandem, den ich nicht treffen möchte.“

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