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Outing als Twitter-Oma Bergmann: Torsten Rohde

© Thorsten Wulff

Die Fans wissen Bescheid: Renate Bergmann, geb. Strelemann, ist 82 Jahre alt, vierfach verwitwet, Haushaltsprofi, lebt in Berlin-Spandau, kennt sich aus mit neumodischem Zeug wie Klappcomputern, Fässbock und Co. und trinkt gerne mal nen Korn. Naja, nicht so ganz… Manch einer ist im Bilde, andere haben es geahnt oder fallen jetzt aus allen Wolken: Renate Bergmann, die uns seit rund 5 Jahren regelmässig online und analog in Buchform an ihrem Rentnerleben teilhaben lässt, die gibt es gar nicht. Keine Bange, sie ist nicht verstorben! Was Fans und Follower immer mal wieder befürchten, wenn sie über längere Zeit nichts von der Seniorin gelesen haben. Nein, Renate Bergmann, die herrlich schräge und liebenswerte Oma, die irgendwie der eigenen Oma, Tante oder Nachbarin gleicht, ist eine Kunstfigur. Ihr Schöpfer heisst Torsten Rohde (44).

Ungefähr zu dieser Jahreszeit kam Torsten Rohde vor ein paar Jahren die zündende Idee. Inmitten der familiären Frauenrunde an Weihnachten hörte er so viele urkomische Sprüche, dass er wissen wollte, ob das nur in seiner Familie so ist. Er erstellte auf Twitter ein fiktives Profil einer Oma Renate und prompt bestätigten viele Reaktionen auf die Oma-Tweets, dass es überall ähnlich zugeht. Torsten Rohde, der in Berlin lebt und eigentlich als Controller arbeitete, erkannte schnell, dass sein "Test" Potential hatte.

Die Geburtsstunde vom Internetphänomen Renate Bergmann, die seither über 50.000 Follower auf Twitter gesammelt hat und auch in Buchform begeistert. „Ich bin nicht süss, ich hab bloss Zucker“, ihr Debüt, schaffe es auf Anhieb auf die Bestsellerliste. Es folgten weitere Kassenschlager der Grossmutter, die durch die Mischung aus Altersweisheit, deftigen Pointen und schrulligen Anekdoten überzeugen. Ganz neu gibt es – nur bei Weltbild – einen Bergmann-Doppelband mit den beiden Titeln „Besser als Bus fahren“ (Renate macht Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff) und „Das kann man doch noch essen“ (Renates Haushalts- und Kochbuch).

Torsten Rohde alias Oma Bergmann über besorgte Fans und Renate als Generationen verbindendes Element

Wie ist die Kunst- und Kultfigur Renate Bergmann eigentlich entstanden? War sie als Scherz gedacht oder wie kam es zum ersten Omi-Tweet?

Torsten Rohde: Spass ist Renate bis heute, aber am Anfang stand tatsächlich ein simpler Scherz. Bei versammelter Frauenpower am Weihnachtsfest bekam ich so viele Sprüche zu Gehör, dass ich mich fragte: Ist das eigentlich in allen Familien so? Die Reaktionen auf meine ersten Tweets bestätigten mich: JEDER hat eine Schwiegermutter, Oma oder Tante zu Besuch, die irgendwie liebevoll, aber über weite Strecken auch anstrengend ist.

Viele Bergmann-Fans fragen sich: Gibt es eine reale Vorlage für Renate? Ihre eigene Oma, Uroma, Mutter, Tante, Nachbarin? Und was sagt Ihre Verwandtschaft zu Renate?

Torsten Rohde: Renate Bergmann ist eine Melange aus Erinnerungen an die Sprüche meiner eigenen Omas, aus Beobachtungen im Alltag und natürlich aus Übertreibungen und Klischees. Keine alte Dame ist wirklich so! Fast jeder hat jedoch entweder eine Omi zu Hause auf dem Sofa sitzen oder trägt Erinnerungen an Grossmütter in sich, die Renate wachruft und in denen man die eine oder andere Eigenart wiedererkennt.

Renate gehen die Ideen nicht aus. Zuletzt hat sie ein Kochbuch verfasst, war auf Kreuzfahrt und hat Trickbetrüger gejagt. Woher nehmen Sie Ihr Insiderwissen rund um die Themen der Generation 80plus? Wer sind Ihre Quellen? Bzw. sind Sie immer auf Beobachtungsposten?

Torsten Rohde: Immer und überall! Man trifft die älteren Herrschaften, wohin das Auge fällt: Im Supermarkt an der Kasse, im Wartezimmer beim Arzt, und auch Friseurbesuche sind sehr ergiebig. Oft „übersetze“ ich aber auch Alltagsbegebenheiten mit jüngeren Menschen „auf Oma“, in dem ich mir überlege: „Das war witzig, aber wie hätte Renate reagiert?“. Ich habe immer entweder Laptop oder Notizblock dabei, und wenn gar nichts geht, mache ich mir schnell Sprachnotizen im Handy. Meine Stoffsammlung gleicht Omas Knopfkiste: bunt und durcheinandergewürfelt. Kein Aussenstehender würde einen Sinn in den Wortfetzen und Ideen sehen, aber ich habe ziemlich genau im Kopf, was wo hinpasst. Und was erstmal nirgendwo passt, kommt ins Töpfchen „Wer weiss, wozu es nochmal gut ist“.

Torsten Rohde: "Ständig muss ich mich als Oma Bergmann outen"

Zu Beginn von Renates Online-Karriere war so manchem Leser nicht klar, dass die 82-Jährige fiktiv ist und nicht selbst twittert. Stimmt es, dass Fans um ihre Gesundheit besorgt waren, wenn Renate länger offline war? Wann haben Sie sich als Autor geoutet und wie haben die Follower reagiert?

Torsten Rohde: Das ist bis heute so, dass ich mich ständig neu als Oma „outen“ muss, denn es kommen - zu meiner grossen Freude - noch immer neue Leser hinzu. Es ist für mich aber auch ein grosses Kompliment, wenn das, was ich schreibe, für so authentisch gehalten wird, dass manche Leute es tatsächlich für echt halten. Niemand war bisher wirklich böse oder enttäuscht, wenn er die Wahrheit erfahren hat. Das schlägt dann eher um in „So wie Renate ist, so will ich auch mal sein, wenn ich alt bin.“

Renate ist einerseits eine typische alte Dame, die viele auch an die eigene Oma erinnert. Und gleichzeitig lebt sie im Hier und Jetzt, ist mit ihrem Klappcomputer online auf Twitter, "Fässbock" und Co unterwegs. Ist sie ein Vorbild für Senioren? Verbindet Renate Bergmann die Generationen?

Torsten Rohde: Ich glaube mittlerweile nicht mehr, dass Renate eine typische alte Dame ist. Die Omis von heute sind wie selbstverständlich bei Facebook und mit dem Smartphone unterwegs, und sie besprühen sich auch nicht zwangsläufig mit 4711. Ich habe vor kurzem in einem Seniorenheim aus den Geschichten vorgelesen und hatte ein bisschen Bammel vor den Reaktionen. Am Schluss kam eine Dame mit über 90 Jahren auf mich zu und meinte, sie hätte seit langem nicht mehr so gelacht, und ihre Mutter wäre genau so gewesen. Die älteren Damen beziehen das gar nicht auf sich selbst und fühlen sich nicht aufs Korn genommen, sondern projizieren das auf ihre Mütter. Oft haben wir in den Lesungen Omis, die mit ihren Töchtern und Enkeln da sind und die mir berichten, wer wen mit Renate Bergmann angesteckt hat. Mal hat die Enkelin es bei Facebook gesehen und der Oma dann die Bücher gekauft und mal ist es umgekehrt. In diesem schönen Sinne - ja, ein bisschen verbindet Renate da die Generationen.

Es steht Weihnachten vor der Tür – welchen Tipp hat Renate für uns, damit wir gut über die Feiertage mit all ihren Fallstricken kommen?

Torsten Rohde: An solchen Festtagen werden natürlich Rituale und Traditionen eingehalten, und zwar knallhart, da gibt es kein Entrinnen. Es gibt Gans mit Rotkohl, Buttercremetorte und Würstchen mit Kartoffelsalat, und zwar pünktlich nach der Uhr, damit man mit den Mahlzeiten nicht in Verzug gerät und am Ende vielleicht noch die Helene-Fischer-Show verpasst. Renate rät selbstverständlich zum eisgekühlten Korn bei all der Aufregung. Der beruhigt die Nerven, hilft beim Verdauen und macht auch ein bisschen gelassener, wenn die Verwandtschaft mal wieder ein bisschen anstrengend wird.