vor einem Monat

"Man hat sich schlicht nichts mehr zu sagen."

Foto: © Foto Sessner

Der Tipp von Deutschlands erfolgreichster Beziehungsratgeberin: "Schenk dir ein Lächeln und sag dir: Ich bin auch wer!"

Seit 25 Jahren kriegt sie Fanpost von Beziehungsgeplagten. Dabei ist Gaby Hauptmann weder Paar-Therapeutin noch Ratgeber-Autorin. "Suche impotenten Mann fürs Leben" (1995) hiess ihr erster grosser Bestseller, ein Frauenroman, in dem es um die Suche nach dem Richtigen ohne eindeutige Absichten geht. Liebe, Sex, Beziehungen und ihr Scheitern sind seither Hauptmanns Themen, die sie so unterhaltsam wie lebensklug aufs Papier bringt, dass ihre Leser und Leserinnen auch fürs wahre Leben ihren Rat suchen. Dabei ist Hauptmanns Formel für mehr (Beziehungs-)Glück ganz einfach: "Eigentlich will ich in meinen Romanen ja eher Mut machen, Mut, sich selbst zu erkennen und wertzuschätzen", erklärt sie im Weltbild-Interview (weiter unten). "Das fängt schon morgens beim ersten Blick in den Spiegel an. Schenk dir ein Lächeln und sag dir: Ich bin auch wer!".

Bis heute hat Gaby Hauptmann rund 40 Romane veröffentlicht und 10 Millionen Exemplare verkauft, ihre Bücher gibt es in 34 Ländern und viele wurden verfilmt. Unser Tipp: Zwei ihrer erfolgreichsten Beziehungsratgeber in Romanform gibt es aktuell als Weltbild-Doppelband: "Ich liebe dich, aber nicht heute" und "Scheidung nie - nur Mord".

"Oft waren sie die Fussabtreter für jeden in der Familie"

Dass Beziehungen auch und gerade nach langer Strecke zerbrechen, erlebt Gaby Hauptmann immer wieder. "Von aussen betrachtet ist das oft unverständlich, denn es sind ja häufig genau die Frauen, die für ihre Familien alles getan haben: Beruf aufgegeben oder nur noch halbtags gearbeitet, Hetze zwischen Arbeitsstelle, Einkaufen, Haushalt, Kinder und Mann." Hinzu kommt, laut Hauptmann, das grosse Schweigen: "So ist die Rettung dann der Fernseher – oder die Flucht zu jemandem, der interessanter scheint als der eigene Partner. Man hat sich schlicht nichts mehr zu sagen." Das Interview in voller Länge lesen Sie hier:

Bestsellerautorin Gaby Hauptmann über das Scheitern von Langzeitehen und ihr Appell für mehr Selbstliebe

Sie gelten als Deutschlands erfolgreichste Beziehungsratgeberin in Romanform – stört Sie das? Oder welche Intention haben Sie beim Geschichtenerzählen?

Gaby Hauptmann: Von der ersten Minute an – also seit 1995 und „Suche impotenten Mann fürs Leben“ – ist das so. Und bis heute erreichen mich Mails oder auch mehrseitige, handgeschriebene Briefe, in denen mir Leserinnen und auch Leser (!) ihre Beziehungsschwierigkeiten schildern, obwohl ich ja keine Ratgeber schreibe. Eigentlich will ich in meinen Romanen ja eher Mut machen, Mut, sich selbst zu erkennen und wertzuschätzen. Das fängt schon morgens beim ersten Blick in den Spiegel an. „Schenk dir ein Lächeln und sag dir: Ich bin auch wer!“. Also Autosuggestion, wenn es sonst keiner tut. Aber es hilft. Und wenn du dann beim Hinausgehen über die liegengebliebenen Socken deines Mannes stolperst: Liegen lassen. Eine Frau ist nicht automatisch die Dienstbotin für die familiäre Bequemlichkeit. Und wenn die pubertierende Tochter die frisch gebügelten Blusen in ihrem Zimmer wieder auf den grossen Kleiderhaufen wirft … Tür zu machen. Wir müssen es nicht jedem recht machen – das gilt übrigens auch für Männer – denn dann sind wir plötzlich nichts mehr wert. Denn wer immer für die anderen den Kaffee holt, und sich nie dagegen wehrt, wird automatisch in dieser Rolle bleiben.

In Ihren Romanen stehen zumeist Frauen in der 2. Lebenshälfte im Mittelpunkt und langjährige Beziehungen, die leiden oder zu Bruch gehen. In welche Fallen tappen wir Frauen in der Mitte unseres Lebens gerne? Und machen es „die Jungen“ besser?

Gaby Hauptmann: Von aussen betrachtet ist das oft unverständlich, denn es sind ja häufig genau die Frauen, die für ihre Familien alles getan haben: Beruf aufgegeben oder nur noch halbtags gearbeitet, Hetze zwischen Arbeitsstelle, Einkaufen, Haushalt, Kinder und Mann. Ganz klar haben sie ihren Männern vertraut, beim Ehegattensplitting nicht darauf geschaut, wie sich die gewählte Steuerklasse später auf ihre Rente auswirkt, haben sich auch nicht um die Grundbucheinträge beim gemeinsamen Hausbau gekümmert, oft waren sie die Fussabtreter für jeden in der Familie, wenn etwas schief ging – und bleiben dann auf der Strecke, wenn es wirklich schief gegangen ist, denn viele tappen danach in die Armutsfalle. „Verliebt, verheiratet, verrechnet“ – die zdf-Serie 37 ° hat eine wunderbare Dokumentation darüber gezeigt, die sich jede Frau vor ihrer Hochzeit genau ansehen sollte.

Machen es die Jungen besser? Sie machen es dann besser, wenn sie ihr eigenes Leben und Denken nicht aufgeben, wenn sie sich weiterhin als vollständige Person und Persönlichkeit sehen – und nicht bloss als Hälfte eines Ganzen. Aber ich denke und hoffe: die jungen Frauen haben von ihren Müttern gelernt.

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Warum scheitern Beziehungen so oft, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wie man so sagt?

Gaby Hauptmann: Vielleicht hat es mit der Stille nach Feierabend zu tun. Es gibt kein Gesprächsthema mehr. Er kommt von der Arbeit, hat keine Lust, über Dinge zu reden die sie, seiner Meinung nach, sowieso nicht versteht. Sie mag über ihre Arbeit, falls sie eine hat, auch nicht reden, weil ihr das zu banal erscheint. Und bei den Dingen, die sie wirklich gerade interessieren oder auch belasten, winkt er ab oder hört nicht zu, weil ihn der verkorkste Sohn ihrer besten Freundin wahrscheinlich nicht interessiert. Er selbst hat aber gar nichts zu erzählen, so ist die Rettung dann der Fernseher – oder die Flucht zu jemandem, der interessanter scheint als der eigene Partner. Man hat sich schlicht nichts mehr zu sagen.

Hört man sich im Freundinnen- und Bekanntenkreis um, dann scheint es, Männer leisten sich im realen Leben sogar noch mehr Schnitzer als im Roman. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Gaby Hauptmann: Männer sehen ihre Schnitzer oft nicht so gravierend, wie Frauen es mit ihren eigenen Schnitzern tun. Für einen Mann ist: „Schwamm drüber“ ernst gemeint, wogegen sie es noch gern ausdiskutieren würde. Und nach einmal Fremdgehen meint er genau das, was er seiner Frau sagt: „Das war doch nichts.“ Männer leben, meinen Beobachtungen nach, leichter, weil sie vieles nicht so ernst nehmen. Gelassener sind. Nicht unter Hochdruck aufräumen und vorbereiten müssen, nur weil Besuch kommt. Ist es nicht perfekt, dann ist es eben nicht perfekt. Frauen stehen sich mit ihren hohen Ansprüchen an sich selbst oft selbst im Weg. Und auch mit einer Erwartungshaltung an ihren Partner, die er nicht erfüllen kann, weil er oft nicht versteht, was sie ihm mit ihren Andeutungen eigentlich sagen will. Frauen entdecken ihre Midlife-Krise vor dem Spiegel, Männer in der Hose. So einfach ist das.

Und eine Frage für alle, die kein Happy End in Sicht haben: Wie wichtig sind die Liebe / eine glückliche Beziehung? Geht Glück auch ohne Mann?

Gaby Hauptmann: Klar geht Glück auch ohne Mann. Ich verstehe sowieso nicht, warum so viele Frauen auf der Jagd nach einem Mann sind. Kaum sind sie 34 und Single, wird gedatet, was das Zeug hält. Und er? Er wäre ja blöd, wenn er nicht gerade die weibliche Zeitspanne zwischen 35 und 40 als höchst gefährlich einstufen würde. „Vorsicht: Baby-Alarm! Die will mich festnageln.“ Ich war immer mal wieder Single und habe mich auch in diesen Lebensphasen wohl gefühlt. Klar ist es schöner zu einem festlichen Ball mit einem Mann zu gehen. Aber jede andere Veranstaltung kann man auch gut alleine oder mit einer Freundin geniessen. Das eigene Glück hängt sicherlich nicht von einem Mann ab. Im Gegenteil. Den Scheidungsraten nach würde man sich manchen Verdruss ersparen, wenn man sein Glück nicht in einem anderen Menschen, sondern in sich selbst suchen würde.

Sie sagen über sich selbst, Sie schreiben überall, wo es gerade geht. Wie haben Sie den Corona-Lockdown erlebt – konnten Sie ihn produktiv nutzen oder hat Sie die eingeschränkte Freiheit belastet?

Gaby Hauptmann: Nun, Corona hat mich zunächst einmal kalt erwischt. Für einen Menschen, der Kofferpacken und Reisen gewöhnt ist, war es eine unglaubliche Umstellung. Aber damit war ich ja nicht alleine. Und nachdem dann nach und nach alle Termine abgesagt wurden, habe ich diese Einschränkung auch als neue Freiheit begriffen. Wie Matthias Schweighöfer in einem Interview sagte, was mir sehr gefallen hat: „Nun bin ich mit meiner Familie auf meinem kleinen Bauernhof und habe Zeit für Dinge, die sonst immer zu kurz gekommen sind. Und dabei habe ich das beruhigende Gefühl, dass ich nicht rennen muss, weil andere ja auch nicht rennen können. Es gibt also nirgendwo eine Konkurrenzsituation.“ Mir hat das gefallen, weil ich zwar gegen keine Konkurrenz anrennen muss, aber trotzdem dieses Gefühl des Daheimseins, der Zeit für Zweisamkeit, meinen Garten, die Tiere darin, das Aufarbeiten liegengebliebener Dinge und überhaupt mal das Durchkämmen alter Geschichten geniessen konnte. Und ganz klar habe ich mich dazwischen auf meinen Balkon gesetzt, den Blick schweifen lassen und bin dann wieder in eine andere Welt eingetaucht, die ich mir Zeile für Zeile für meinen neuen Roman erschrieben habe.