Leseprobe

Schmitz' Katze von Ralf Schmitz

VORWORT

»Du gehst ja ab wie Schmitz' Katze.«
Wissen Sie, wie oft ich diesen Satz in meinem Leben schon gehört habe? Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich habe auch irgendwann aufgehört zu zählen. Aber es stimmt ja. Ob es das allerdings war, was mich dazu gebracht hat, dieses Buch zu schreiben .. . ich weiss es ehrlich gesagt nicht.

Es gibt in meinem Leben so viele Berührungspunkte mit diesem Tier, dass ich manchmal glaube, ich wusste sogar noch eher, dass ich mal mit so einem Pelzbällchen zusammenleben werde, bevor mir klar war, Schauspieler oder Komiker werden zu wollen. Und das war auch schon sehr früh.

Meine erste Rolle spielte ich im Kindergarten. Ich scheuchte eine nicht gerade kleine Menge Mädchen, als Pferde verkleidet, durch die Manege - durch unsere Turnhalle - und war der Zirkusdirektor. Kein Witz. Ich hatte einen viel zu grossen Zylinder auf, der mir immer ins Gesicht rutschte, eine Peitsche in der Hand... Ach wissen Sie was, ich zeige es Ihnen besser, sonst glauben Sie mir eh nicht...

So. Ich habe es Ihnen ja gesagt: Ich war ein kleiner »Futzemann«, wie mein Vater mich immer genannt hat, was im Rheinland, glaube ich, ein recht gängiger Kosename ist. Manchmal sagt er das heute noch zu mir. Als wir beim 50. Hochzeitstag von Onkel Fred und Tante Lilo waren, zum Beispiel.
»Papa!«
»Früher hat dich das nie gestört.«
»Das ist dreissig Jahre her, Vater... «
Ich sage dann gerne Vater, das klingt erwachsener.
Meinen ersten Kontakt mit einer Katze hatte ich allerdings vor meinem Karrierestart, und zwar ziemlich genau im Alter von drei Jahren, 1981... aua - Minka hat mich gebissen - .. . also gut, 1977. Glauben Sie auch nicht?
Bitte schön...

Ich hoffe, dass jetzt im Verlauf des Buches nicht ständig an meinen Aussagen gezweifelt wird. Alle, wirklich alle Geschichten sind bis auf die letzte Silbe wahr. Aua!
Dieses Foto entstand im Urlaub in Österreich. Ich kann mich nicht im Entferntesten an diesen Urlaub erinnern, bis auf den Augenblick, als ich diese Katze auf dem Arm hatte. Es war der schönste Moment in meinem Leben. Das sieht man auch, wie ich finde. Ich strahle über beide Backen, Verzeihung, Wangen. Allerdings hielt diese Freude nur kurz. Ich kann mich nämlich auch noch gut daran erinnern, dass mich diese doofe Katze unmittelbar danach kratzte, sich tierisch wehrte und schliesslich auf den Boden sprang. Das Bluten meiner kleinen Ärmchen war nicht das Problem - bei dieser einen Verletzung sollte es im weiteren Verlauf meines Zusammenlebens mit Katzen nicht bleiben. Nein, die Enttäuschung, dass die Katze mich DOCH nicht mochte, machte mich fertig. Einem kleinen Jungen kann man nicht erklären, dass er beim Festhalten vielleicht ein bisschen zu doll gedrückt hat und die Katze so keine Luft mehr bekommen hatte. Ich war masslos enttäuscht. Sie hatte doch so schön geschnurrt, mir an meinen Fingerchen die Leberwurst weggeleckt und mich so süss angemaunzt. Wir waren doch FREUNDE!
Diese Erfahrung war einschneidend. Sie charakterisiert die vielschichtige Beziehung und den langen, gemeinsamen Weg in grosser Liebe wie auch Zerrissenheit zwischen Herrchen und Katze. Oder eben Katze und Personal. Wer hier wen besitzt, ist nämlich noch lange nicht raus und nicht so klar, wie sich das Nicht- oder Noch-nicht-Katzen-Besitzer vorstellen.

Natürlich kann es auch sein, dass mich meine zweite Theaterrolle - ja, ich war damals schon schwer im Geschäft - dazu gebracht hat, Katzen so unglaublich lustig, faszinierend und toll zu finden und mir dann irgendwann tatsächlich eine zuzulegen. Ich bin mir heute ziemlich sicher: Mit dieser Rolle sind die Weichen für die beiden wichtigsten Ziele in meinem Leben gestellt worden. Ab diesem Moment wollte ich eine Katze haben und Schauspieler werden.
Ich spielte damals den Katzenkater in einer Schultheatergruppe und... also, jetzt gehen Sie mir aber langsam auf die Nerven! Das ist jetzt das letzte Mal, okay? Also, bitte...
Der Vorhang geht auf.
»Schnarch... schnarch... schnarch... « Aufwachen.
»Huch! Miau. Ich bin der Katzenkater. Ich bin sehr alt. Ich schlafe meistens.«
Das war der allererste Text, den ich überhaupt jemals auf einer Bühne gesprochen habe (der Zirkusdirektor hatte nichts zu sagen). Das ist doch bezeichnend, oder? Da muss man doch 'nen Katzen-Knacks fürs Leben kriegen. Jetzt, wo ich das schreibe, fällt mir das übrigens erst so richtig auf... Moment, auf die Erkenntnis hin mache ich mir jetzt erst mal 'ne Tasse grünen Tee.
Wieder da.
Das Stück hiess >Die feuerrote Friederike< von Christine Nöstlinger, und ich spielte den Kater der Heldin. Dieser Katzenkater führte durch das Stück, sozusagen als Sprecher oder Conferencier, hatte aber auch in den Szenen einiges zu tun. Ich war also das Bindeglied zwischen den Zuschauern und dem Stück. Ich musste auf die Einwürfe des Publikums reagieren und... HIMMEL!!!
Man ist doch immer wieder baff, WIE früh die Würfel fallen. Ich war damals wohl schon so etwas wie 'ne Impro-Katze! So, also ICH habe keine Fragen mehr.

Sie gucken so misstrauisch! Ich sehe schon, ein letzter Beweis ist noch fällig. Dass ich meine Katze wirklich schon so früh bekommen habe, dass sie wirklich schon so alt ist, wie ich immer behaupte. Sie haben ein Recht darauf. Ich sehe es ein. Wenn nicht in meinem Katzenbuch, wo dann?

Die Leute fragen mich immer, wie ich das denn gemacht habe, dass die Katze so alt geworden ist, und zuerst habe ich immer geantwortet: »Keine Ahnung.« Sie weiss eben einfach nicht, wann Schluss ist. Wie Johannes Heesters. Vielleicht hat ihr aber auch einfach keiner gesagt, dass man als Katze gefälligst höchstens 17 oder 18 Jahre alt wird. Jopi sagt ja auch keiner was.

Mir fällt gerade ein Zitat aus ›Alice im Wunderland‹ von Lewis Carroll wieder ein. Alice hat von einem Zauberpilz gegessen und wird immer grösser: »Schon«, sagte die Haselmaus, »aber ich wachse auf eine vernünftige Art und Weise und nicht in einem derart lächerlichen Ausmass.«

Minka ist 23 Jahre alt. Ist doch auch ein bisschen ein lächerliches Ausmass, oder? Finde ich aber natürlich klasse! Immer wenn ich mit ihr zum Tierarzt fahre, dann kann der das überhaupt nicht glauben. Bei ihm heisst sie nur Methusalem. Oder Jopi.
Mit der Jopi-Begründung wollen die Leute und Freunde sich aber nie zufriedengeben und bohren immer weiter: »Wie? Das kann doch gar nicht sein!« - »Da muss es doch einen Geheimtipp geben.«
Nein! Gibt es nicht. Aber ich bin dazu übergegangen Folgendes zu sagen: »Liebe und gutes Futter.«
Das sage ich immer. Und es funktioniert. Ist natürlich völliger Quatsch, ich liebe meine Katze - auch wenn Sie das gleich beim Lesen des Buches vielleicht ab und zu in Frage stellen werden -, aber ob das gereicht hat, sie so alt werden zu lassen...? Nun ja, denken Sie das ruhig, gefällt mir auch ganz gut, und vielleicht, ja vielleicht stimmt es ja doch! Kommen Sie aber später nicht heulend zu mir angekrochen, weil das mit Ihrer Katze nicht geklappt hat.
Ich hatte in meinem ganzen Leben nur EINE Katze. Minka! Die kurze Liaison im Österreich-Urlaub kann man nicht mitzählen. Wir kannten uns ja kaum.
Minka und ich sind durch dick und dünn gegangen. Sie hat mitgekriegt, wie ich grösser wurde, wie ich mich zum ersten Mal verliebt habe - sehr unglücklich leider, aber das muss wohl so sein -, wie das Telefon erfunden wurde, die Bilder laufen lernten . . . Quatsch!

Minka war immer an meiner Seite, in jeder Situation meines Lebens, und ich habe so viel mit ihr erlebt, dass ein Buch eigentlich gar nicht ausreicht, um all das aufzuschreiben, was zu erzählen wäre.
Trotz all dieser Erlebnisse mit meiner Katze will ich hier aber auch Raum geben für die Anekdoten und Verrücktheiten, die ich bei anderen Katzenbesitzern - bei der Ex-Freundin, meiner Schwester, Familie Rettig, Wiebke und Roger und und und - miterleben durfte. Ich glaube mittlerweile, dass JEDER eine Katze hat oder zumindest mal hatte. Und man lacht. Man lacht so endlos viel mit und über diese Tiere, dass ich sicher einen Teil meines eher positiven Gemütes auf das Zusammenleben mit meiner verrückten Katze zurückführen kann. Und dafür bin ich ihr unendlich dankbar.

So, jetzt aber los...


WENN DIE KATZE KOMMT

Wie ich zu meiner Katze kam

Als ich so circa acht Jahre alt war, beschloss meine Mutter, dass ich eine Katze bekommen sollte. Ob sie deswegen auf die Idee kam, weil sie mal wieder etwas mehr Ruhe haben wollte - ich hatte damals tausend Ideen in der Minute -, oder ob es deshalb war, weil sie selber gerne eine haben wollte, das kann ich rückwirkend nicht mehr beurteilen. Wenn man sie heute danach fragt, ist man eh nach circa drei Sekunden in der üblichen Geschichte: »Früher war ja alles ganz anders .. . Weisst du noch als Tante Therese gestorben ist?«
Also, meine Mutter beschloss: Ich bekomme eine Katze. Und ich fand die Idee auch ganz gut. Und je näher der Termin rückte, an dem wir ein Pelztier aus dem Tierheim retten wollten - so sah ich das damals -, desto aufgeregter wurde ich. An Schlaf war eine Woche vorher schon gar nicht mehr zu denken, geschweige denn an Schule, Freunde oder Nahrungsaufnahme. Kurz gesagt, ich drehte fast durch.*
Mein Gehirn hatte wegen Vorfreude-Überlastung geschlossen. An die Woche vor dem Tag X kann ich mich deshalb heute absolut nicht mehr erinnern, nur daran, dass wir irgendwann, für mich wie aus heiterem Himmel, vor der Tür des Tierheims standen und klingelten.
Ich fand es grossartig. Gleich sah ich Hunderte von süssen, kleinen Wollknäuelchen, durchs Gesicht schlabbernde Hundebabys, maunzende Nassnasen... Gleich, gleich...! Die Tür ging auf, ich stürmte rein, und - was für ein Gestank! Tierheime riechen, vor allem beim ersten Besuch, nicht besonders einladend, zumal gerade, als wir eintraten, ein grosser Dalmatiner vor uns in den Eingang kotzte. Und ein Dalmatiner kann 'ne Menge kotzen, gerade aus der Perspektive eines Achtjährigen, der dem Ding knapp bis zur Schulter reicht.
»Kommen Sie doch rein. Guten Tag«, sagte Frau Frank, die Leiterin des Heims, Typ Fräulein Rottenmeier aus ›Heidi‹, während sie uns entgegenkam. Das Ganze muss wohl ein einschneidendes Erlebnis für mich gewesen sein, denn an ihren Namen kann ich mich heute noch ganz deutlich erinnern. Ich kann mir sonst ja noch nicht mal den Namen meines Onkels aus dem Westerwald merken. Der, der einem immer die Luft abdrückt, wenn er einen umarmt. Aber ich schweife ab... Oh Gott, ich werde wie meine Mutter.

»Ich bekomme heute eine Katze«, sagte ich und freute mich jetzt schon wieder ein bisschen mehr. Der erste Schock war überwunden. Da kotzte der Dalmatiner ein zweites Mal. Dieses Mal während eine Assistentin ihn gerade aus dem Zimmer tragen wollte. Sie hatte ihn unter dem Bauch gepackt und hochgehoben, was wohl keine so gute Idee gewesen war.

Kurz danach kamen wir an Zimmern für ausgewachsene Hunde, Hundebabys, Papageien (mein Gott sind die laut! Und alle wirken irgendwie ständig angepisst), Meerschweinchen (rasend langweilig) vorbei und traten schliesslich in das für Katzenbabys ein. Süüüss! Alle!!!! Die! Nein, die!! NEIN, DIE!!!!!!!!!! Es war hoffnungslos. Alle kleinen Dinger, eins süsser als das andere, krabbelten auf mir herum. Meine Mutter freute sich, die Tierheimleiterin auch. Ich hätte nur blind die Hand ausstrecken müssen und wir hätten alle nach Hause gehen können. Doch dann sagte Fräulein Rottenmeier mit so einem professionellen Zittern in der Stimme etwas Verhängnisvolles.
»Nebenan haben wir auch Katzen, die schon etwas älter sind. Die will aber keiner.«
Nun muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich damals gerade auf dem Selbstlosigkeitstrip war, hatte ich im Kino doch >Das letzte Einhorn‹ gesehen, und nun wollte ich unbedingt auch die alten, abgemagerten, ausgemergelten Geschöpfe ohne Beine und Ohren sehen. Meine Mutter fand das beispielhaft. Noch.

Wir gingen nach nebenan, und als ich den Raum betrat, rannte auf einem Umlauf an der Wand, etwa auf der damaligen Höhe meines Kopfes, eine fast ausgewachsene, getigerte Katze auf mich zu und maunzte mich an. So laut und so frech, dass ich mich total erschrocken habe. Minka! - das heisst, damals ja noch »Messalina«. Sie hatte Beine und Ohren, war aber frisch operiert, auf der Seite wegen der Sterilisation komplett rasiert, spindeldürr, und hatte einen Ausdruck in den Augen, der sagte: »Was soll das hier? Was stehst du noch rum? Nimm mich gefälligst mit, du Arsch!«
Tja, ich verstand sie, sie verstand mich. Meine Mutter brabbelte noch so etwas wie »Die Katze sucht den Menschen aus und nicht der Mensch die Katze«, und im nächsten Augenblick sassen wir auch schon im Auto: Ich mit meiner hässlichen Messalina auf dem Schoss - auf das Namensdesaster komme ich gleich noch zu sprechen -, während Fräulein Rottenmeier - ich meine, die »Tierheimleiterin« - uns aufgeregt und glücklich nachwinkte.
Minka pinkelte mir auf den Schoss. Autofahren findet sie bis heute scheisse. Aber ich leg mittlerweile was drunter.
Tja, jetzt war ich Herrchen.
...


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