Leseprobe
Kalte Asche von Simon Beckett
LESEPROBE
KAPITEL 2
Den Grossteil meines Berufslebens habe ich mich mit den Toten beschäftigt. Manchmal mit den schon lange Toten. Ich bin forensischer Anthropologe. Der Tod ist ein Thema - und Teil des Lebens -, mit dem sich die meisten Menschen lieber nicht beschäftigen. Bis sie es müssen. Für eine Weile war das auch bei mir so. Als meine Frau und meine Tochter bei einem Autounfall getötet wurden, war es zu schmerzhaft, in einem Beruf zu arbeiten, der mich jeden Tag daran erinnerte, was ich verloren hatte. Deshalb wurde ich Arzt, jemand, der sich lieber um die Lebenden als um die Toten kümmerte.
Bis sich Dinge ereigneten, die mich zwangen, meinen ursprünglichen Beruf wiederaufzunehmen. Meine Berufung, könnte man sagen. Teils Pathologie, teils Archäologie, geht meine Arbeit über beide Fachgebiete hinaus. Denn selbst nachdem die menschliche Biologie zusammengebrochen ist, wenn das, was einmal ein Lebewesen gewesen ist, auf Verwesung, Verfall und trockene Knochen reduziert ist, können die Toten noch als Zeugen fungieren. Sie können noch immer eine Geschichte erzählen, man muss nur wissen, wie man sie zu interpretieren hat. Und genau das ist meine Aufgabe.
Den Toten ihre Geschichte zu entlocken.
Wallace hatte anscheinend erwartet, dass ich seiner Bitte nachkommen würde. In einer Maschine nach Lewis, der Hauptinsel der Äusseren Hebriden, war bereits ein Platz für mich gebucht worden. Wegen des schlechten Wetters wurde der Start um fast eine Stunde verschoben. Ich wartete in der Abflughalle und versuchte, nicht hinzusehen, als der Flug nach London, den ich eigentlich hatte nehmen wollen, auf der Anzeigetafel erst angekündigt wurde, die Passagiere dann zum Einchecken aufgefordert wurden und die Maschine schliesslich abflog.
Der Flug nach Lewis war unruhig und nur deshalb erträglich, weil er kurz war. Der Tag war halb vorüber, als ich ein Taxi vom Flughafen zum Fährterminal in Stornoway nahm, einer tristen, noch immer hauptsächlich vom Fischfang abhängigen Arbeiterstadt. Auf dem Pier war es neblig und kalt, in der Luft hing der übliche Hafenmief aus Diesel und Fisch. Ich hatte damit gerechnet, an Bord einer der grossen Autofähren zu gehen, die Qualm in den verregneten Himmel über dem grauen Hafen ausstiessen; stattdessen hielt das Taxi vor einem verrosteten Schiff, das eher wie ein Fischkutter aussah. Nur der auffällige Range Rover der Polizei, der fast das gesamte Deck einnahm, sagte mir, dass ich an der richtigen Stelle war.
Eine Rampe führte auf den Kutter und wurde durch den schweren Seegang hin- und hergeschoben. Unten auf dem Betonpier stand ein uniformierter Polizeisergeant, die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben. Nase und Wangen waren von geplatzten Äderchen gerötet. Seine geschwollenen Augen über einem mit grauen Strähnen durchzogenen Schnauzbart betrachteten mich finster, während ich mich mit meiner Tasche und meinem Koffer abmühte.
«Dr. Hunter? Ich bin Sergeant Fraser», sagte er schroff. Seinen Vornamen verriet er nicht, und seine Hände blieben in den Taschen. Er hatte eine harte, beinahe nasale Aussprache, die keinem der mir bekannten Dialekte des schottischen Festlandes ähnelte. «Wir haben schon auf Sie gewartet.»
Mit diesen Worten ging er die Rampe hinauf. Offenbar hatte er keine Lust, mir mit meinem schweren Gepäck zu helfen. Ich nahm die Umhängetasche und den Alukoffer und folgte ihm. Die Rampe war nass und rutschig und hob und senkte sich mit dem Wellengang. Ich stolperte hinauf und versuchte, meine Schritte auf das unregelmässige Schlingern abzustimmen. Dann kam mir ein junger, uniformierter Constable entgegengetrabt und griff grinsend nach meinem Koffer.
«Lassen Sie mich das nehmen.»
Ich liess ihn. Er ging zum Range Rover und verstaute den Koffer.
«Was haben Sie da drin, eine Leiche?», fragte er vergnügt.
Ich stellte meine Tasche neben den Alukoffer. «Nein, das wirkt nur so. Danke.»
«Kein Thema.» Er konnte kaum älter als zwanzig sein. Er hatte ein freundliches, offenes Gesicht, und seine Uniform sah selbst im Regen tadellos aus. «Ich bin Constable McKinney, aber nennen Sie mich einfach Duncan», grinste er.
«David Hunter.»
Sein Handschlag war enthusiastisch, so als wollte er Frasers mangelnde Begrüssung wettmachen. «Sie sind also der Forensiker?»
«Ja, der bin ich wohl.»
«Grossartig. Ich meine, das ist natürlich nicht grossartig, sondern ... na ja, Sie wissen schon. Wie auch immer, gehen wir ins Trockene.»
Die Passagierkabine war ein verglaster Raum unterhalb des Steuerhauses. An Deck redete Fraser aufgebracht auf einen bärtigen Mann in Ölzeug ein. Hinter ihm stand ein langer Jugendlicher mit einem pickligen Gesicht, der mürrisch dreinschaute, während Fraser mit ausgestrecktem Finger herumfuchtelte.
«... schon lange genug gewartet, und jetzt behaupten Sie, wir können noch nicht ablegen?»
Der Bärtige starrte gelassen zurück. «Wir haben noch einen weiteren Passagier. Wir legen erst ab, wenn sie da ist.»
Frasers bereits gerötetes Gesicht wurde immer dunkler. «Das ist keine Vergnügungsfahrt, verdammt nochmal. Wir sind bereits hinter dem Zeitplan, also ziehen Sie die Rampe hoch, klar?»
Die Augen des anderen Mannes starrten über den dunklen Bart hinweg, der ihm das ungezähmte Äussere eines wilden Tiers gab. «Das ist mein Boot, und ich lege den Zeitplan fest. Wenn Sie wollen, dass die Rampe hochgezogen wird, dann müssen Sie es selbst tun.»
Fraser setzte gerade zu einer Antwort an, als von der Rampe ein lautes Klappern zu hören war. Mit einer schweren Tasche kämpfend, kam eine zierliche Frau heraufgeeilt. Sie trug eine hellrote Daunenjacke, die ihr mindestens zwei Nummern zu gross war. Eine dicke Wollmütze hatte sie sich bis über beide Ohren gezogen. Mit ihrem rotblonden Haar und dem spitzen Kinn verlieh sie ihr ein attraktives, elfenhaftes Aussehen.
«Hi, meine Herren. Würde mir vielleicht jemand helfen?», keuchte sie.
Duncan hatte sich in Bewegung gesetzt, doch der Bärtige war schneller. Weisse Zähne schimmerten durch den dunklen Bart, als er die Neuangekommene angrinste und ihr mühelos die Tasche abnahm.
«Wurde auch Zeit, Maggie. Wir hätten schon fast ohne dich abgelegt.»
«Klug von dir, es nicht zu tun, sonst hätte dich meine Grossmutter gekillt.» Sie stand mit den Händen in den Hüften da und betrachtete die Männer, während sie Atem schöpfte. «Hi, Kevin, wie geht's? Lässt dich dein Vater immer noch zu hart schuften?»
Der Teenager errötete und schaute zu Boden. «Ja.»
«Tja, manche Dinge ändern sich eben nie. Aber jetzt mit achtzehn solltest du mal eine Gehaltserhöhung fordern.» Ich sah ihre Augen interessiert aufblitzen, als sie den Range Rover der Polizei betrachtete.
«Was ist los? Irgendwas, das ich wissen sollte?»
Der Bärtige deutete abweisend mit dem Kopf in unsere Richtung. «Frag die da. Uns sagen sie nichts.»
Das Grinsen der jungen Frau erstarb, als sie Fraser sah. Dann sammelte sie sich, rang sich schnell ein Lächeln ab, in dem nun so etwas wie Trotz lag.
«Hallo, Sergeant Fraser. Das ist ja eine Überraschung. Was führt Sie hinaus nach Runa?»
«Polizeisache», sagte Fraser knapp und wandte sich ab. Wer auch immer die Frau war, er war nicht erfreut, sie zu sehen.
Jetzt, da der letzte Fahrgast an Bord war, gingen der Fährkapitän und sein Sohn an die Arbeit. Mit einem Heulen der Motorwinde wurde die Rampe hochgezogen. Als sie die Ankerkette einholten, vibrierten die Planken des Bootes. Mit einem letzten, neugierigen Blick in meine Richtung ging die junge Frau ins Steuerhaus.
Dann legte die Fähre in einer Dieselwolke ab und tuckerte aus dem Hafen.
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© Verlag Wunderlich
Übersetzung: Andree Hesse