Leseprobe
Die Katze im Sack von Rita Mae
Brown
LESEPROBE
Barry Monteith atmete noch, als Harry ihn fand. Seine
Kehle war aufgeschlitzt.
Tee Tucker, eine Corgihündin, die Mary
Minor Haristeen und den zwei Katzen, Mrs. Murphy und Pewter, vorauslief, hatte
ihn zuerst entdeckt.
Barry lag auf dem Rücken, die Augen
offen, keuchend und gurgelnd, und mit jeder Zuckung entwich das Leben aus ihm.
Er erkannte weder Tucker noch Harry, als sie bei ihm ankamen.
»Barry, Barry.« Harry versuchte ihn zu
trösten, sie hoffte, er konnte sie hören. »Es wird wieder gut«, sagte sie,
dabei wusste sie genau, dass er im Sterben lag.
Mrs. Murphy, die Tigerkatze,
betrachtete das hochspritzende Blut.
»Jugularvene«, bemerkte die dicke graue Pewter lakonisch.
Harry nahm sanft die Hand des jungen
Mannes und betete: »Lieber Gott, empfange in deinem Schoss die Seele von Barry
Monteith, er ist ein guter Mensch.« Ihr kamen die Tränen.
Barry zuckte zusammen, dann war sein
Leiden zu Ende.
Der Tod, der für Stadtbewohner oft so
erschreckend ist, gehörte hier auf dem Land zum Leben. Ein Bussard stösst herab
und trägt das Küken davon, während die Henne ihren nutzlosen Protest
herausschreit. Ein Bulle bricht sich die Hüfte und muss getötet werden. Und
eines Tages geht ein alter Farmer langsam zu seinem Traktor und stellt fest,
dass er nicht auf den Sitz klettern kann. Der Todesengel hat ihm die Hand auf
die gebeugte Schulter gelegt.
Anscheinend hatte der Engel Barry
Monteith, vierunddreissig, durchtrainiert, gut aussehend mit lockigen braunen
Haaren und immer für einen Spass zu haben, keine friedvolle Erlösung zugedacht.
Barry hatte sich vor einem Jahr mit einem Geschäftspartner, Sugar Thierry, als
Züchter von Vollblutpferden selbstständig gemacht.
»Lieber Gott.« Harry wischte sich die
Tränen fort.
Dieser Samstagmorgen, frisch, klar und
schön, hatte die Verlockung eines wunderschönen 29. Mai verheissen. Die
Verheissung war soeben zerronnen.
Harry hatte ihre frühmorgendlichen
Haus- und Stallarbeiten erledigt und ungeachtet der langen Liste von Dingen,
die es zu besorgen galt, beschlossen, eine Stunde spazieren zu gehen. Sie
folgte dem Potlicker Creek, einem eher stark strömenden Bach oder Flüsschen, um
zu sehen, ob die Biber neue Dämme gebaut hatten. Barry lag dreieinhalb
Kilometer entfernt von ihrer Farm ausgestreckt am Ufer des Flüsschens auf einer
Lehmstrasse, die sich über die Berge bis ins benachbarte Augusta County wand.
Sie grenzte an das weitläufige Grundstück von Tally Urquhart, die, weit über
neunzig und rüstig, Autoverkehr nicht ausstehen konnte. Drei Autos stellten
ihrer Meinung nach Verkehr dar. Nur während der Jagdsaison im Herbst war die
Strasse stark befahren.
»Tucker, Mrs. Murphy und Pewter, ihr
bleibt hier. Ich lauf zu Tally und ruf den Sheriff an.«
Harry dachte sich, wenn sie ein
gleichmässiges Lauftempo einhielt, quer über die Felder und durch ein Gehölz,
könnte sie in fünfzehn Minuten beim Telefon in Tallys Stall sein, obgleich
Gefälle und Steigungen des Geländes nebst einer steilen Schlucht sie Zeit
kosten würden.
Sobald ihre Tiere allein waren,
untersuchten sie Barry.
»Was
konnte ihm so die Kehle aufschlitzen? Eine Bärentatze?« Pewters Pupillen weiteten sich.
»Vielleicht.« Mrs. Murphy schnupperte unbewegt an der klaffenden
Wunde, Tucker desgleichen.
Die Katze zog die Oberlippe kraus, um
mehr Witterung in ihre Nase zu wedeln. Der Hund, der eine viel längere Nase und
viel grössere Nasenlöcher hatte, atmete einfach nur ein.
»Ich
riech keinen Bär«, erklärte Tucker. »Bären haben einen penetranten Geruch, und
an einem Morgen wie heute würde er haften bleiben.«
Pewter, die Luxus und Schönheit
schätzte, sah sich durch Barrys Leiche in ihrem ästhetischen Empfinden gestört.
»Seien wir froh, dass wir ihn heute
gefunden haben und nicht heute in drei Tagen.«
»Hör
auf zu quasseln, Pewter, und guck dich gefälligst um! Such nach Spuren.«
Murrend und anmutig schritt die graue
Katze die Lehmstrasse entlang. »Meinst du
Wagenspuren?«
»Ja,
oder Tierspuren«, wies Mrs. Murphy
sie an, dann wandte sie sich Tucker zu. »Auch
wenn die Witterung von Kojoten nicht so stark ist wie von Bären, würden wir
trotzdem einen Hauch riechen. Rotluchs? Ich riech nichts dergleichen. Oder
Hund. In den Bergen gibt s wilde Hunde und Wildschweine. Die Menschen wissen
nicht mal, dass die da sind.«
Tucker legte den vollendet geformten
Kopf schief. »Kein Schmutz rund um die
Wunde. Auch kein Speichel.«
»Ich
seh nichts. Nicht mal nen Vogelfuss«,
rief Pewter verärgert hundert Meter weiter die Strasse runter.
»Dann
geh über den Bach und guck drüben nach.« Mrs. Murphy verlor langsam die Geduld.
Pewter hob die Stimme. »Und mach mir die Pfoten nass?«
»Es
ist eine Furt. Spring von Stein zu Stein. Los, Pewt, sei nicht so n Hasenfuss.«
Verärgert plusterte Pewter sich auf,
fegte an ihnen vorbei, um sich über die Furt zu katapultieren. Sie schaffte es
beinahe, aber ein Platschen liess darauf schliessen, dass ihre Hinterpfoten nass
geworden waren.
Unter anderen Umständen würden Mrs.
Murphy und Tucker gelacht haben. Stattdessen wandten sie sich wieder Barry zu.
»Ich
kann das Tier nicht identifizieren, das ihn aufgeschlitzt hat.« Die Tigerkatze schüttelte den Kopf.
»Hm,
die Wunde ist ausgefranst, aber sauber. Wie gesagt, kein Schmutz.« Tucker betrachtete die zurückgeschobenen
Fleischfalten.
»Er
wurde im Liegen getötet«, bemerkte
die Katze klug. »Wenn er gestanden hätte,
meinst du nicht, dass dann überall Blut wäre?«
»Nicht
unbedingt«, erwiderte der Hund, der
daran dachte, wie Blut bei starken Herzschlägen direkt aus der Jugularvene
floss. Die seltsame Ruhe des Schauplatzes verwirrte Tucker.
»Pewter,
hast du drüben was gefunden?«
»Rotwildspuren.
Grosse Rotwildspuren.«
»Sieh
dich weiter um«, ordnete Mrs. Murphy
an.
»Ich
mag es nicht, wenn du dich als Boss aufspielst.« Trotzdem ging Pewter auf der Lehmstrasse Richtung
Westen.
»Barry
war so ein netter Mensch.« Tucker
betrachtete betrübt das Gesicht mit dem kantigen Kinn und den weit geöffneten
Augen, die gen Himmel starrten.
Mrs. Murphy umrundete den Leichnam. »Tucker, ich klettere auf die Platane. Wenn
ich runtergucke, seh ich vielleicht was.«
Ihre rasiermesserscharfen Krallen
gruben sich in die dünne Oberfläche des Baumes, Streifen der dunkleren äusseren
Borke lösten sich und legten die weissliche Rinde darunter frei. Der Geruch von
frischem Wasser, von der Indianermeise über ihr, all dies teilte ihr etwas mit.
Sie suchte prüfend nach abgebrochenen Zweigen, gebogenen Büschen, allem, was
darauf hinwies, dass Barry, andere Menschen oder grosse Tiere unter Umgehung der
Lehmstrasse zu dieser Stelle gelangt waren.
»Pewter?«
»Ein
dickes fettes Nichts.« Die graue
Mieze stellte fest, dass ihre Hinterpfoten nass waren. Kleine Lehmklumpen
blieben zwischen ihren Zehen kleben. Das wühlte sie mehr auf als Barry.
Schliesslich war er tot. Sie konnte nichts für ihn tun. Aber die hart werdende
braune Erde zwischen ihren Zehen, das war lästig.
»Schön,
komm zurück. Wir warten auf Mom.«
Mrs. Murphy liess die Hinterbeine über den Ast fallen, auf dem sie sass. Ihre
Hinterpfoten griffen nach dem Stamm, die Krallen gruben sich hinein, und sie
liess los, schwenkte die Vorderpfoten zum Stamm. Sie kletterte hinunter.
Tucker und Pewter, der die Überquerung
des Flüsschens diesmal besser gelang, gaben sich einen Nasenkuss.
Mrs. Murphy kam hinzu und setzte sich
neben sie.
»Hoffentlich
verfärbt sich sein Gesicht nicht, während wir auf die Menschen warten. Das ist
mir zuwider. Sie werden ganz fleckig.«
Pewter rümpfte die Nase.
»Mach
dir keine Sorgen.« Tucker seufzte.
In der Ferne hörten sie Sirenen.
»Aber
sie werden auch nicht wissen, was sie hiervon halten sollen«, sagte Tucker.
»Ist
schon eigenartig.« Mrs. Murphy
drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Sirenen kamen.
»Unheimlich
und gruselig.« Pewter bildete sich
ihr Urteil, während sie an ihren hinteren Zehen knibbelte, und sie hatte Recht.
© Ullstein Buchverlage
Übersetzung: Margarete Längsfeld